Hochtemperaturwerkstoffe und Kriechen

Bei Raumtemperatur erhöht eine Kornfeinung die Festigkeit (Hall-Petch-Beziehung), doch für Bauteile, die lange bei hoher Temperatur belastet werden, verwendet man häufig grobes Korn oder Einkristalle. Welche Begründung ist richtig?

  1. AGrobes Korn ergibt einen höheren Elastizitätsmodul und damit eine kleinere elastische Dehnung bei gleicher Spannung, sodass die Kriechdehnung auch bei langer Belastung bei hoher Temperatur klein bleibt
  2. BBei hoher Temperatur werden die Korngrenzen fester als das Korninnere; weniger Korngrenzen verhindern, dass Versetzungen zu stark an ihnen festgehalten werden, und die Spannung baut sich durch Versetzungsbewegung im Korn ab
  3. CBei hoher Temperatur werden Korngrenzen zu schnellen Diffusionswegen und Gleitflächen, sodass Korngrenzendiffusionskriechen, Korngrenzengleiten und Porenbildung an Korngrenzen umso leichter auftreten, je mehr Korngrenzen vorhanden sind
Lösung und Erläuterung anzeigen

Lösung: C. Bei hoher Temperatur werden Korngrenzen zu schnellen Diffusionswegen und Gleitflächen, sodass Korngrenzendiffusionskriechen, Korngrenzengleiten und Porenbildung an Korngrenzen umso leichter auftreten, je mehr Korngrenzen vorhanden sind

Bei hoher Temperatur diffundieren Atome entlang der Korngrenzen schnell, und es tritt auch Korngrenzengleiten auf, sodass die Korngrenzen zu Schwachstellen werden. Die Temperatur, bei der Korngrenzen und Korninneres gleich fest sind, heißt äquikohäsive Temperatur; oberhalb davon sind die Korngrenzen schwächer. Diffusionskriechen (vor allem das Coble-Kriechen, umgekehrt proportional zur dritten Potenz der Korngröße), Korngrenzengleiten sowie der Bruch durch Bildung und Vereinigung von Poren an Korngrenzen treten daher in feinkörnigem Werkstoff mit vielen Korngrenzen leichter auf. Deshalb verwendet man in Hochtemperaturbauteilen grobes Korn, Stängelkristalle parallel zur Spannung und sogar Einkristalle. Der Elastizitätsmodul wird durch die Bindung zwischen den Atomen bestimmt und hängt kaum von der Korngröße ab; er ist daher kein Vorteil des groben Korns. Die Aussage, die Korngrenzen würden bei hoher Temperatur fester als das Korninnere, kehrt den Zusammenhang um.

Fehler melden

Dieses Thema üben Zurück zum Thema

Weitere Fragen zum Thema „Hochtemperaturwerkstoffe und Kriechen“

  1. Eine warmfeste Legierung erlitt unter einer bestimmten Spannung bei 1000 K nach 1000 h einen Kriechbruch. Der Larson-Miller-Parameter P = T(C + log₁₀t_r) (T: absolute Temperatur, t_r: Bruchzeit in h, C = 20) sei bei gleicher Spannung konstant. Welcher Wert kommt der Temperatur am nächsten, bei der unter derselben Spannung eine Bruchzeit von 10⁵ h erreicht wird?
  2. Welche Aussage über die γ'-Phase, auf der die Hochtemperaturfestigkeit einer Nickelbasis-Superlegierung beruht, trifft zu?
  3. Warum verwendet man für Turbinenschaufeln von Strahltriebwerken gerichtet erstarrte stängelkristalline oder einkristalline Nickelbasis-Superlegierungen?
  4. Was ist der Hauptzweck der Zugabe einiger Prozent schwerer Elemente wie Rhenium (Re) zu einkristallinen Nickelbasis-Superlegierungen?
  5. Bei der Oxidation einer Legierung an Luft bei hoher Temperatur galt ein parabolisches Zeitgesetz x² = k_p t, bei dem die Diffusion durch die dichte Oxidschicht die Geschwindigkeit bestimmt; nach 100 h war die Schicht 2,0 µm dick. Welcher Wert kommt der Schichtdicke nach 900 h Oxidation bei derselben Temperatur am nächsten?